Jetzt

Im Kletterprojekt eines Vereins für Kinder vom 08. bis zum 12.10.12 in Bingen wurde das Thema „Jetzt“ täglich besprochen.

Unter mehr als 20 Teilnehmern haben die meisten schon erkannt, wie schwierig es sei, diesen Begriff in bezug auf die Zeit noch näher zu bestimmen. Sobald „Jetzt“ ausgesprochen worden ist, ist alles schon vorbei, denn „Jetzt“ gehört bereits zur Vergangenheit. Eine Handlung, die gerade jetzt stattfindet, hört danach auf, es sei denn sie setzt sich weiter fort, so daß sich die Zeit für „Jetzt“ verlängert, zwar unabhängig vom Beobachter.

Selbst blieb ich bei der Auffassung, wie unmöglich es ist, die Dauer für „Jetzt“ genauer festzulegen, ob es eine Minute, eine Sekunde oder sonst nur noch ein Bruchteil einer Sekunde sein sollte. Die Zeit kann noch unendlich kleiner werden oder sonst umgedreht unter anderem Blickwinkel unendlich größer.

Ein 10jähriges Kind aus meiner Forschungsgruppe sprach zwischendurch immer wieder von der Lichtgeschwindigkeit, im Sinne dessen wie „Jetzt“ im Nu nicht mehr zur Gegenwart gehört. Immerhin nach der Relativitätstheorie ist es wohl bekannt, wie langsam die Uhr geht, die sich bewegt, im Vergleich zu einer anderen Uhr, die sich von der Stelle nicht rührt. Im Grunde kann „Jetzt“ für den Reisenden in der Lichtgeschwindigkeit im All ein Teil des Lebens für alle Menschen der Welt bedeuten, die auf dem Planet Erde geblieben sind. Sobald der Reisende aber zurück kehrt, sind alle Menschen nämlich um viele Jahre älter als er geworden.

Darüber hinaus kam ich zu der Schlußfolgerung nach dem Wort vom deutschen Physiker Albert Einstein, der meinte: „nichts ist wirklicher als die Wirklichkeit“. Der Begriff „Jetzt“ bleibt deshalb nur ein Wort, das ein Erlebnis für unseren Verstand darstellt, welches entweder ununterbrochen bestehen bleibt oder sonst definitiv aufhört. Dies verleitet mich dann letztendlich dazu, daß „Jetzt“ unabhängig von Ereignissen, Gedanken oder Handlungen jedoch unendlich wird, für jeden von uns, der noch am Leben ist. Nach dem Tod stellt sich diese Frage allerdings nicht mehr.

Ich vertrete abschließend die Meinung, es sei gerade ein Denkfehler, den Begriff „Jetzt“ nur in bezug auf den Zeitraum zu beschreiben. Ob man tot ist oder nicht, bleibt „Jetzt“ doch in sich, nämlich im Perpetuum, was es heißt, daß alle unterschiedlichen Ereignisse immer wieder nacheinander aus der Umwelt oder aus seinem eigenen Inneren entstehen, die im Grunde im Zeitraum stets vom „Jetzt“ begleitet werden. Unter diesem Aspekt hat der Zeitraum selbst keinen Belang, denn „Jetzt“ bleibt nur ein Augenblick in jedem Intervall ohne festgelegte Länge oder Dauer, der sich lückenlos wiederholt, egal welche und wieviel Geschehen damit verbunden wären. Unter anderem Wort wäre „Jetzt“ gar nicht statisch sondern eher dynamisch, im Grund nicht einmal erfaßbar.

Blaise Pascal, der französische Philosoph und Mathematiker, der überall Unendlichkeiten erkannte, sagte eben nach René Descartes: „ich denke, also bin ich“. Selbst Albert Einstein mußte eben schlußfolgern: „Das Wirkliche ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben“. Dies trifft also auch für „Jetzt“ zu.

Über Martial

Ich befaße mich mit Pädologie, d.h. übergreifend mit Psychologie, Pädagogik und Pädiatrie bzw. Medizin, und darüber hinaus mit Kindern, die ich betreue, aber u. a. auch mit Elektronik. Ich bin arbeitsuchend.
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3 Antworten auf Jetzt

  1. dirk sagt:

    Hallo Martial,

    Einen schönen Artikel hast du da verfasst.
    Übrigens:
    in cogito, ergo sum, heißt der übliche Spruch, den wir mit dem Sketiker und in diesem Falle phänomenologischen Denker Rene´Descartes verbinden.

    Zum Thema Jetzt pflege ich zur Zeit gleichfalls die Meinung, dass es nur eine wirkliche „Zeit“gibt, die gleichwohl unterschiedlich wahrgenommen wird, doch immer einmalig und dynamisch ist und sich paradoxerweise dem Entzieht was wir mit Begrifflichkeiten von Zeit erfassen wollen: Jetzt. Alles andere, was wir mit Begrifflichkeiten von Zeit versuchen zu strukturieren, verstehe ich also als Hilfskonstruktionen des Verstandes, um Gesetzte, Entwicklungs- und Lebensprozesse zu beschreiben oder erfassbar zu machen. Für diese Ziele ist die Erfindung von Zeit sinnvoll. „Jetzt“ allerdings, entzieht sich vermutlich allen zeitlichen Bestimmungen und die zeitlichen Bestimmungen und Versuche versagen, wo es darum geht, die „Wirklichkeit“ über sie zu erfassen und was es mit ihr aufsich hat. Daher gab es einige schlaue Menschen, die sich hierfür den Begriff „Unendlich“ausgedacht haben. Unendlich ist dabei unmessbar und kann mit Jetzt gleichgesetzt werden, denn dort wo es kein Maß gibt, die Unterscheidung fehlt, wird Zählen unsinnig, ihm fehlt der „Grund“. „Jetzt“, so glaube ich, ist zu verstehen wie eine geöffnete Tür, wer nicht durch anderes Abgelenkt ist, kann hindurchschreiten und „Sein“ erfahren, nennen wir es Metaphysik, Mystik, Atman, Gott oder Leben.

    Alles liebe Dirk

  2. Martial sagt:

    Hallo Dirk,

    Ich habe mir gerade zufällig eine Sendung von leschskosmos.zdf.de angeschaut, die sich mit “Vorstoß ins Unbekannte bis an die Grenze des Wissens vom Ego” befaßte, also nach der Frage: “Wie kann man mich messen?”, denn die wichtigste (empirische) Erfahrung, die ein Mensch macht, ist „ich bin„. Wenn ich meinem „Kernselbst“ folgen würde, würde ich jetzt … träumen, darf man ja mal.

    Die Vermessung von selbst ist wie im Spiegel also eine grenzende Erkenntnis.

    Ja, zur Info:

    René Descartes (1596-1650) französischer Philosoph Mathematiker und Naturwissenschaftler / Cartesianischer Dualismus: Wechselwirkung von Geist und Materie

    Ich würde demzufolge, zwischen Geist und Materie, hinzufügen: “Jetzt” ist einfach stetig und ewig. Wenn eine Uhr noch herangezogen wird, sitzt “Jetzt” auf dem Zeiger fest, als wäre es darauf geschrieben, egal ob es sich um einen Zeiger für Stunden, Minuten oder Sekunden handelt. Richtig für unseren Verstand wäre es diesbezüglich, “Jetzt” auf dem schnellsten Zeiger bildlich zu malen, der also auf die Sekunde zeigt, um z.B. Kindern besser zu veranschaulichen.

    Im Film „Phoebe im Wunderland“, ein kleines Mädchen, das psychisch gestört ist, stellte in der Schule die folgende Frage, als es dabei die Orientierung verlor: „Woher wissen wir denn, wann es Zeit ist, (zu fragen)?

    Dazu antwortete die Lehrerin: „Du kannst fragen, wenn Du das gern möchtest, wenn es Zeit ist, etwas zu fragen…

    Mit offenem Mund blieb das Kind mit einem „“ perplex. Meines Erachtens wäre die Antwort „jetzt oder nie“, also jederzeit „jetzt, wenn Du das gern möchtest„, d.h. sobald das Bedürfnis „jetzt“ die Frage rechtfertigt.

    Am Rand: auf logische Fragen eines (erkrankten) Kindes, das (unter Zwangsstörung) gerade (unaufgefordert) stellen wollte, kommen ja auch mal ohne weiteres unlogische Antworten von (gesunden) Erwachsenen…

    Gruß von Martial

  3. Martial sagt:

    Es gibt noch ein Argument, das dafür spricht, wie problematisch es werde, den Begriff „Jetzt“ nicht nur wahrzunehmen, was jeder Mensch zwar theoretisch in jedem Augenblick seiner Existenz tun kann, sondern auch „physikalisch“ zu erfassen, dessen Vorstellung meines Erachtens in der Praxis von Vornherein utopisch sein mag.

    Wie in der Fernsehserie „Raumschiff Enterprise“ bedeutet „Beamen“ vom einen Punkt zum anderen zu teleportieren, im Grunde im Nu und zwar jetzt, wie die ZDF-Sendung von Leschskosmos gut aufklären dürfte.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/925180#/beitrag/video/1647286/Beim-Beamen-'was-vergessen

    Zum Beamen braucht man vereinfacht gesagt drei Dinge:

    a) Einen Sender, der das zu beamende Teil in seine Einzelteile lückenlos zerlegt.
    b) Einen Empfänger, der die Einzelteile wieder richtig zusammensetzt.
    c) Jede Menge Energie, um die Einzelteile auch über große Entfernungen zu transportieren.

    Dies ist heutzutage zwar nur auf Molekularebene möglich, aber mit einem Lebewesen hätte man gewaltige Datenmengen zu verarbeiten, die noch kein Rechner bewältigen kann. Das Problem liegt eben darin, daß Gegenstände zwar mit all seinen bekannten Molekülen transportiert werden können, z.B. eine Tasse Kaffee, aber fraglich heißt es, wie der Kaffee selbst transportiert werden kann, z. B. wenn man gerade dabei ist, ihn zu trinken. Unter anderem Wort sollte man auch “frischen” Kaffee beamen können, schon mit Rücksicht auf die Menge, die gerade „jetzt“ von der Tasse in den Mund fließt.

    Demnach sollte man bei Menschen auch andere Inhalte vom Gehirn mit beamen, d.h. nicht nur in dessen strukturell biochemische Substanz sondern auch Gedanken wie beispielsweise das von ihm verfolgte Ziel, seine Pläne oder Absichten, nicht zuletzt seine bisher gewonnenen Erfahrungen u.a.m., also in sich selbst vereint die noch unsichtbare Seele. Das Gehirn ist nämlich nicht statisch wie eine Festplatte sondern eine dynamisch ständig verändernde Substanz. Es geht also darum die gesamte Person mit allen Verdrahtungen im Hirn zu transportieren, miteinbeschlossen dem Selbst, dessen Definition für unseren Verstand noch offen bleibt. Darüber hinaus ist es gerade die Frage, wie man dann zugleich materielle Substanzen und unantastbare Prozesse transportiert.

    Unter diesem Aspekt könnte man wohl einsehen, daß sich „Jetzt“ in einem Zeitraum nicht beamen läßt, für alle dynamischen Prozesse, die gerade „jetzt“ ablaufen, wobei jede Übertragung auf jeden Fall von einem Punkt zum anderen erfolgt und dabei den Begriff „Jetzt“ zwingt, vom Augenblick zum anderen zu überlaufen. In dieser Hinsicht wäre „Jetzt“ zugleich statisch, wenn man nur den Augenblick der Abfahrt betrachtet, aber dann dynamisch, wenn man das Verfahren bis zur Ankunft verfolgt. Unter anderem Wort würde ich sagen, daß „Jetzt“ im Grunde nicht braucht, transportiert zu werden, wenn das so immer bleibt, egal wann und wo. Es genügt schon, einen Blick auf unseren Planet zu werfen, um festzustellen, wie es für einen beim Essen an einem Ort Mittag ist, während es für einen anderen beim Schlafen am anderen Ort zu derselben Zeit aber Mitternacht ist. Für beide Menschen, die voneinander entfernt sind, ist Jetzt dasselbe. Wie könnte man dann „Jetzt“ beamen?

    Schlußfolgernd ist „Jetzt“ für jeden zugleich nah und fern aber dann immer und überall.

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